Mit acht WM-, fünf EM- und 19 Staatsmeistertiteln ist Kickboxerin Nicole Trimmel ihre „Pension“ vom Hochleistungssport angetreten. Das Ganze passierte allerdings nicht still und heimlich, sondern mit einem letzten Fight und einer Party, die der Karriere die Krone aufsetzet.  

Wie lange bist du im Kickboxzirkus schon dabei?
Da müssen wir relativ weit zurückblicken, denn mein erstes Training hatte ich noch vor dem Millennium 1999. Die ersten Wettkämpfe folgten kurze Zeit später.

Wieso hast du diesen Sport so lange ausgeübt?
Bei uns verhält es sich ähnlich wie in Ausdauersportarten oder mit einem guten Wein. Je älter du wirst, umso besser wirst du. Du musst natürlich viel investieren, um die Kondition zu halten; aber was Taktik, Technik und Strategie angeht, bist du mit jahrelanger Erfahrung natürlich klar im Vorteil.

Also für Geld machst du es mal nicht?
(lacht) Der war gut. Unsere Gagen nähern sich dem Nullwert an. Bei uns gibt es nur den klassischen Händedruck und vielleicht noch Medaillen und Pokale. Auch wegen dem großen Zuschauerandrangs mache ich es nicht (schmunzelt). Da steht eher die Leidenschaft und die Liebe zum Sport im Vordergrund.

Du stehst am Ende dieses Lebensabschnittes. Wann ist es endgültig vorbei?
Meine Deadline habe ich mir für diesen Herbst gesetzt. Um genau zu sein: Mein letzter Kampf wurde für den 7. Oktober angesetzt. Dem Sport verbunden bleibe ich natürlich weiterhin und trainieren werde ich auch noch, aber die Wettkampfkarriere findet an diesem Tag sein Ende.
In letzter Zeit bin ich aber im Vergleich zu früher ohnehin nur mehr zu ausgesuchten Turnieren gefahren. Halbherzig wo teilzunehmen kam für mich nie in Frage. Wenn ich etwas mache, dann will ich es immer 100%ig und gewinnen. Der zweite oder dritte Platz hat mich nie interessiert, und um diese Ziele irgendwie umzusetzen, musst du natürlich enorm viel Zeit und Energie investieren. Dadurch, dass ich auch in Wien trainiere, gehören auch viele Stunden im Auto dazu.

Credit: Christopher Kelemen www.christopherkelemen.com

Wieso ausgerechnet in Wien?
Ich nehme bei meinem Trainer immer Einzelstunden in Wien, wo wir glücklicherweise bei der Sabotage Film Produktion trainieren dürfen. Eine ganz lustige Geschichte: Es ist, wie der Name schon sagt, eine Film Produktion, die allerdings einen Boxring im Keller aufgebaut hat. Mein Trainer und der Firmeninhaber kennen einander seit 20 Jahren, und nachdem beide den Sport lieben, kam diese Zusammenarbeit zustande. Die haben aus der puren Leidenschaft heraus sogar mal eine Doku in Kuba über kubanische Boxer gedreht.

Über dieses Thema würde sich ja fast schon eine Fortsetzung anbieten.
Boxen ist in Kuba ja ein Riesenthema. Dort wirst du als Kind im Nachwuchs bereits von Olympiasiegern trainiert, die damit allerdings sehr wenig verdienen. Denen geht es nicht ums Geld, sondern vordergründig um die Liebe zu ihrem Sport. Das ist so schön, und ich glaube, das ist einer der Mitgründe, warum die Motivation auch bei mir so lange angehalten hat. Gut davon leben zu können wäre natürlich fein, aber ich kann meinen Sponsoren schon unglaublich dankbar dafür sein, dass meine Karriere überhaupt in der Form möglich gemacht wurde, und wie gesagt: Für Geld mache ich es jedenfalls nicht.

Wieso wurde es bei dir das Kickboxen?
Ich wollte immer einen Kampfsport lernen. Dass es Kickboxen wurde, hängt auch mit einem Mangel an Wahlalternativen im Bezirk Eisenstadt zusammen (lacht). Die Shaolin Tempel waren alle zu weit weg, sonst wäre ich wahrscheinlich beim Kung Fu oder einer ähnlichen Sportart hängen geblieben.
Kickboxen war da, da bin ich reingekracht, und es hat mir unglaublich getaugt. Wir wissen ja: Wenn du etwas gerne machst, dann kommen früher oder später wahrscheinlich auch Erfolge dazu. Ich vermute aber, dass ich, nachdem ich aufgehört habe, noch mehr Spaß an meinem Sport haben kann, wenn erstmal der zusätzliche Erfolgsdruck weg ist.
Ich selbst würde mich ja als Teilzeitsportlerin bezeichnen, weil ich neben dem professionellen Training noch einen Brotjob habe, um über die Runden zu kommen. Als reines Hobby kann man es bei dem Zeitaufwand jedenfalls nicht mehr bezeichnen. So wie andere ins Büro gehen, gehe ich ins Training, wodurch das Ganze natürlich eine andere Bedeutung hat als bei schönem Wetter mal Radfahren zu gehen.

Wie gehst du mit dem selbst gesteckten Karriereablaufdatum um?
Die Sentimentalität wird sicher noch einfahren bei mir. Als ich mir 2015 das Kreuzband riss, hätte ich fast schon gesagt, dass ich fertig bin mit dem Sport. Ich habe mir dann mit der Entscheidung klugerweise ein Jahr Zeit genommen und bin diese Thematik relativ gelassen angegangen. Conclusio: Oft darfst du Entscheidungen nicht im Augenblick treffen, sondern musst sie auf dich zukommen lassen. Irgendwann wachst du plötzlich auf und weißt, was du zu tun hast.
Wobei ich gestehen muss, dass ich mich jeden Tag nach dem Aufstehen nach der Antwort gesehnt habe.
Mir war es wichtig, dass mein Knie wieder fit wird und ich selbst entscheiden kann, wann es für mich passt zurückzutreten.

Wieso hast du dann letztendlich die Entscheidung für den Sport getroffen?
Irgendwann habe ich gespürt, dass es noch nicht vorbei ist. Auch weil richtig viel Ärger da war, dass meine Karriere auf diese Art und Weise zu Ende gegangen wäre. Ich wollte außerdem wissen, ob ich nochmal das Zeug dazu habe, mich an die Spitze zu kämpfen.

Credit: Christopher Kelemen www.christopherkelemen.com

Glaubst du, dass du nach der Saison wirklich endgültig aufhören kannst?
Ich hoffe schon. (lacht)

Mein Tipp: Versuch den Schlussstrich endgültig zu ziehen. Wenn ich zu einem Wettkampf fahre und zuschaue, beginne ich jedes Mal neue Pläne zu schmieden für das Comeback. Da hat man echt einen Boscha.
Oh ja… Das kann ich so gut verstehen, da bin ich der gleiche Typ. Ganz rausnehmen kann man sich einfach nicht, auch wenn man irgendwann glaubt, es geschafft zu haben, den nötigen Abstand zum Sport zu finden.
Dann siehst du irgendwo ein Foto oder ein Video von früher – und schon beginnt wieder der Kreislauf der Gedanken…: Die anderen fahren jetzt dorthin und ich bleib daheim.
Da fragt man sich echt, ob man schon ganz deppert ist.
Ich weiß aber genau, dass ich mir dieses Endziel setzen muss, sonst häng ich gleich wieder ein paar Jahre dran.

Warst du in angespannten Situationen wie vor einem Wettkampf eher eine entspannte Sportlerin?
Schon. Ich glaube aber, dass das durch gute Vorbereitung kommt. Damit meine ich, dass ich mich lange im Vorfeld mit einer möglichen Situation im Wettkampf auseinandergesetzt habe.
Oft kannst du diese Ruhe aber nicht herbeiführen.
Letztes Jahr war ich mit meinem Nationalteamtrainer bei einem Turnier in Rimini. Wir waren schon ein bisschen früher dort, schauen auf den Screen und sehen, dass mein Kampf erst in 90 Minuten stattfindet. Ich hab es mir daraufhin mit einem Espresso gemütlich gemacht; und plötzlich kommt mein Trainer angelaufen und ruft: „Nici, du bist jetzt gleich dran!“ Der war schon so gestresst, weil er nicht wusste, wie ich darauf reagieren würde, dass wir uns da mit der Zeit vertan hatten. Mir war das echt wurscht. Bei sowas bin ich tiefenentspannt.

 

Was kannst du von deinem Sport mitnehmen?
Der Sport hat mich einfach zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Wenn ich zurückblicke, hätte ich auch nichts anders machen wollen. Allein wenn ich überlege, was ich durch den Sport erleben und kennenlernen durfte. Damit meine ich auch Erfolge und Misserfolge und wie man mit denen umgeht. Etwas selbst in die Hand zu nehmen. Du kannst dir ja nicht vorstellen, was wir früher alles selbst organisiert haben. Sport ist eine echte Lebensschule.
Man lernt vor allem, mit kleinen Mitteln sehr effizient umzugehen und aus wenig viel zu machen. Das war in deiner Szene wahrscheinlich nicht anders. Wie heißt es so schön: Geld verdirbt Kreativität. Wir hatten nie Geld, und deswegen mussten wir richtig kreativ sein.
Geld gibt es auch heute noch nicht viel. Wenn du zu einer Firma gehst und sie dich fragen was du für einen Sport machst, und die Antwort Kickboxen ist, lautet die Antwort meistens von vornherein Nein. Ich vergleiche die Sportkarriere auch gerne mit einem Startup, bei dem du ebenfalls diese hohe Frustrationstoleranz haben musst. Das Wort Nein muss auf gut Deutsch dein bester Freund werden. Nein hörst du den ganzen Tag – und da wird es dir mit dem Magazin wahrscheinlich auch nicht anders gehen.

Credit: Christopher Kelemen www.christopherkelemen.com

Nein. 😉
Vielleicht findet es der 51., bei dem du anklopfst, ganz cool und steigt ein. Aber die Motivation, überhaupt bis zum 51. zu gehen, brauchst du mal. Wenn dir keiner was gegeben hat, war es auch wurscht. Ich habe mich halt immer querfinanziert – wie zum Beispiel über meinen Kalender, den wir verkauft haben. Dass das alles nicht perfekt ist, weiß ich, aber ich mache es trotzdem, mit dem Bewusstsein, aus sehr wenig sehr viel zu machen. Diese Haltung, immer das Beste aus etwas zu machen, ist eine Einstellung, die bei mir zu 100% durch den Sport gekommen bzw. trainiert worden ist.
Auf der anderen Seite gibt es eben auch viele, die nur herumsitzen und dann groß jammern.

Das merkt man bei vielen Sportlern, wenn man sie fragt, wie oft sie denn trainieren bzw. wie viel Zeit sie letztendlich wirklich investieren. Vergleich das mal mit den ganzen ehem. Ostblockstaaten. Ich biete immer wieder Trainings in anderen Sportarten an, weil man ja sehr viel Wissen transferieren kann und von jedem Sport was lernen kann. Dieses Gefühl, das du beschreibst, habe ich oft bei Kickern, bei denen das physische Niveau oft zum Kotzen ist.
Die meisten haben keine Ahnung, was dahintersteckt, um wirklich an der Spitze zu stehen.

War bei euch im Sport Doping ein Thema?
Zum Glück kaum. Es hat ab und zu mal einen Sportler getroffen, der sich mit illegalen Mitteln entwässert hat, um mit dem Gewicht runterzukommen. Ich muss da auch ehrlich sagen, dass der große Vorteil am Desinteresse der breiten Öffentlichkeit an meiner Sportart ist, dass dadurch keine Wirtschaft dahinter ist und somit auch Doping eher durch den Rost fällt.

Wäre Doping ein Thema gewesen, wenn du mit einem Kampf beispielsweise eine Million verdient hättest?
Nein, da bin ich nicht der Typ dafür. Ich bin viel zu verbissen und will mir alles mit meinen natürlichen Mitteln und hartem Training erkämpfen.
Aber das fängt bei mir bei Nahrungsergänzungsmitteln an. Allein wenn ich dran denke, wie oft mir irgendjemand einen Schas schickt und meint, dass ich das probieren sollte. weil man dadurch angeblich schneller regeneriert oder es angeblich die Leistung um 10% steigert oder was weiß der Kuckuck… Schön und gut alles, aber da vertraue ich lieber auf ein Rezept: das lautet Training. Kann mir kaum vorstellen, wie ein Pulverl, vor allem ein legales, die Leistung um 10% steigern sollte. Das muss sowieso logisch hinterfragt werden. Dann müsste ja der 100 m Sprinter um eine Sekunde schneller rennen. Also 10% von was? So ein Blödsinn!
Am schlimmsten ist es, wenn sich der Vertriebskanal dann auch noch als Multilevelmarketing entpuppt. Da weiß man dann eh gleich, welche Stunde es geschlagen hat.
Training bleibt dir dadurch sowieso nicht erspart. Ich nehme meine Mariendisteltropfen und ein paar andere natürliche Sachen wie zum Beispiel Omnibiotic und das reicht. Das ist alles natürlich, und damit tu ich auch meiner Leber einen Gefallen. Den restlichen Blödsinn brauche ich nicht.

„BEI VIELEN IM SPORT IST OFT DIESES „ES MUSS“ im SPIEL. BEI MIR IST ES MITTLERWEILE EIN „ES DARF“.

Photocredit: Christopher Kelemen – www.christopherkelemen.com

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