Für Clemens Doppler ist die Beachvolleyball Weltmeisterschaft in Wien eines seiner größten Karrierehighlights. Nebenbei denkt er aber bereits an jüngere Generationen und will mit der Sportbox einen wesentlichen Beitrag für eine bewegte Zukunft unserer Kinder leisten. 

In einfachen Worten: was ist die Sportbox für dich?
Eine Herzensangelegenheit. Dieses Projekt hat nichts mit der Karriere danach zu tun, mir geht es in erster Linie um den ideellen Zweck. Uns (Anm.: dem Sportteam der Sportbox – Marc Janko, Clemens Doppler, Thomas Klepeisz und Konrad Wilczynski) geht es nicht darum, Superstars hervorzubringen. Wir tragen alle das gleiche Gedankengut in uns, und das ist Kinder: zu bewegen. In Österreich liest man seit den Olympischen Spielen 2012 fast täglich von der Debatte um die tägliche Turnstunde und andere Sportinitiativen für die Jugend. Nachdem da nichts Weltbewegendes passiert ist, haben wir uns gedacht: Wir können auch einfach unser eigenes Ding aufziehen und so die Kinder zum Sport bringen. Sie sollen wieder Spaß an der Bewegung haben – und dafür steht auch die Sportbox. Eine Gaudi haben mit dem Zuckerl, die echten Stars aus der Sportart kennenzulernen und sich ein paar Techniken abzuschauen.

Warum, glaubst du, ist es so schwer, Schüler und Kinder allgemein für Sport zu begeistern?
Das hängt sicher auch damit zusammen, dass die Kids anders aufwachsen als wir. Wir hatten weder Tablet noch Handy und sind zum Spielen einfach rausgegangen auf die Wiese. Ein Ball hat damals noch ausgereicht. Ob wir damals darin gut oder schlecht waren, war egal. Das primäre Ziel war die Bewegung an sich. Die Zeit hat neue Möglichkeiten und Medien mit sich gebracht, die natürlich zu akzeptieren sind. Ich glaube allerdings, dass der Umgang mit diesen anders gehandhabt werden muss. An dieser Stelle muss ich anmerken, dass meine Eltern beide Lehrer waren.

Sportlehrer?
Mein Papa war Sportlehrer, und dadurch bin ich im Endeffekt auch zum Volleyball gekommen. Wir hören heutzutage leider immer wieder das Statement, dass in Bildungsbelangen Sport und Schule getrennt werden sollten. Für mich gibt es da keine Trennung, und man sieht am Beispiel der skandinavischen Länder oder auch Neuseelands, wie gut ein Schulsystem funktionieren kann, in dem Bewegung ein fix implementierter Block im täglichen Unterricht ist. Dort wird darauf Wert gelegt, dass sich Kinder so viel wie nur möglich bewegen. Wenn man die Einwohnerzahl zum Medaillenspiegel bei Olympischen Spielen in Relation setzt, liegt Neuseeland ebenfalls ganz weit vorne. Es geht jetzt natürlich nicht um die Medaillen, aber die sind ein willkommener Nebeneffekt von so einem System. Hauptsächlich geht es um weniger Übergewicht, mehr Gesundheit und Konzentration in der Schule. Wir wollen das jetzt in die Hand nehmen und den Kindern diverse Möglichkeiten bieten.

Ich bin überzeugt, dass die Breite die Spitze und umgekehrt die Spitze die Breite benötigt. Da beisst sich bei uns die Katze in den Schwanz.
Als aktiver Sportler habe ich London und Rio miterlebt und muss leider sagen, dass wir nach Rio 1:1 die selben Diskussionen hatten wie nach London. Diese Diskussionen, wie man alles umstrukturieren sollte und so mehr Medaillengewinner produzieren kann. Ich glaube, dass das die falsche Denke ist. Genau wie du schon richtig gesagt hast: Breite und Spitze brauchen einander. Dennoch glaube ich, dass es nicht notwendig ist, die Politik aus dem Sport zu verbannen. Einzig und allein die Parteipolitik und deren persönliche Interessen dürfen dem Sport nicht schaden. Bisher wurde oft das entschieden, was dem Einzelnen kurzfristig mehr bringt – aber langfristig nichts bewirkt. Die größte Schwierigkeit ist, dass man alle an einen Tisch bekommt und an einem Strang gezogen wird.

Da fehlt offensichtlich oft die sportliche Vergangenheit, in der man solche Qualitäten mitbekommen hat (lacht). Vor kurzem habe ich einen Beitrag über eine Schule in Schweden gesehen. Die haben pro Tag nur mehr drei Stunden Unterricht und zwei Stunden Sport – und schneiden bei den Tests trotzdem am Besten ab.
Über das Bildungssystem traue ich mich jetzt kein Statement abzugeben. Da fehlt mir die Expertise. Aber bei Sport und Bewegung kann ich mitreden; und ich weiß einfach, dass ich konzentrationsfähiger bin, wenn ich mich bewegt habe. Wenn ich fünf Stunden starr auf einem Sessel hocke, geht bei mir auch nichts weiter. Natürlich ist die Infrastruktur in Österreich nicht optimal, aber ich denke, dass genug da wäre, wenn man die gegebenen Möglichkeiten effizient nutzen würde. Wenn man aber verlangt, dass beispielsweise beim Schwimmen Olympiamedaillen gewonnen werden sollen, dann muss man sich auch anschauen, wie viele 50 Meter Bahnen wir haben. Viele Sportstätten bleiben ungenutzt, weil irgendein Hallenwart meint, dass da keiner trainieren darf, weil was kaputt werden könnte. Für mich war es unvorstellbar, als mir Mirna Jukic in Peking erzählt hat, dass sie keine eigenen Trainingszeiten in der Stadthalle hat, sondern sich eine Bahn auch mit normalen Badegästen teilen musste. So etwas kann es einfach nicht sein.

Ich fand ja diesen Skandal rund um die österr. Fußballmannschaft und das verweigerte Training im Happelstadion ein Kabarett. Da ging es glaube ich um die Abnützung des Rasens. Die Folgen waren natürlich ein unglaublicher Aufschrei in den Medien und eine schnelle Lösung. Bei anderen Sportarten bleiben die Lösungen aber leider aus, weil sich schlichtweg zu Wenige dafür interessieren.
Absolut. Diese Reichweite haben andere Sportler einfach nicht, und deswegen gehören genau solche Situationen auch zum Alltag. Aus diesen Gründen geschieht bei Beachvolleyball und ähnlichen Sportarten auch sehr viel aus Eigeninitiative. Vor vielen Jahren haben beispielsweise Nick Berger und Robert Nowotny gesagt, dass sie eine Beachhalle eröffnen wollen. Durch ihre guten Kontakte ist das auch gelungen, und mittlerweile trainiert das Nationalteam dort. Wenn die das damals nicht gemacht hätten, würde es heute womöglich noch immer keine geben. Aber das bedeutet, dass du gute Leute mit Ideen und einem guten Netzwerk brauchst. Echte Macher eben, die nicht nur reden, sondern gute Ideen auch umsetzen.

Da habe ich auch eine lustige Geschichte. Ich habe lange im Ausland trainiert und irgendwann begonnen, darum zu kämpfen, zumindest in der Offseason mehr Eiszeit in Wien zu bekommen. Die Antwort, die ich damals in der Eishalle bekommen habe, war: „Wenn da Kinosaal leer is, kummst ah ned gratis eini.“
Typisch österreichisch. Da habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich habe ja 10 Jahre in Rom trainiert, weil dort die Bedingungen einfach um ein Vielfaches besser waren. Wir haben uns das Alles selbst organisiert. Zum Glück hat sich da aber bereits einiges geändert, auch wenn es noch sehr viel Luft nach oben gibt.

Jetzt bist du ja noch ohne Handy und Tablet aufgewachsen. Die Sportarten stehen heute in Konkurrenz mit dem Überangebot an Entertainment. Wie schafft es Sport allgemein in Zukunft, diesen Konkurrenzkampf gegen stundenlang vor dem PC zu hocken zu gewinnen?
Das ist ganz sicher eine Aufgabe der Eltern, mit Vorbildwirkung voranzuschreiten. Natürlich ist es gemütlich, mal eine Stunde in den Fernseher reinzuschauen…das haben wir als Kinder ja auch gemacht, aber irgendwann muss dann halt auch Schluss sein.

Neben den Eltern können in Österreich, einem Land, in dem es extrem lange Sommerferien gibt, auch wir mit Initiativen wie der Sportbox dagegenwirken. Vor allem bei Kindern, deren Eltern nicht so wie bei mir Lehrer waren und vielleicht nur fünf Wochen Urlaub haben, muss es ein Programm geben. Da könnte man einiges an Alternativen zum Fernschauen bei der Oma oder der Tante bieten – und genau da kommt die Sportbox unser Sportcamp ins Spiel. Bei uns trainieren die Kinder so, wie wir in deren Alter trainiert haben – nur halt ein bisschen moderner.

Wie hat eigentlich bei dir die Volleyballkarriere begonnen? Haben dich deine Eltern gleich zum Volleyball geschickt, oder hast du viel ausprobiert?
Klassisch wie in der Sportbox. Ich habe wirklich viel probiert – vom Basketball über Tennis bis hin zum Fußball und eben auch Volleyball. Als Kind bleibt man dann bei der Sportart hängen, wo man merkt, dass man ein bisschen besser ist als die anderen.

Oder in deinem Fall um zwei Köpfe größer…
Oder das! Deswegen war ich ja auch besser (lacht). Aber es hat mir auch mehr Spaß gemacht, weshalb ich mich mit elf für Volleyball entschieden habe. Bemerkt habe ich das übrigens in einem Feriencamp. Wenn man kein breites Sportangebot hat, kann man auch nicht herausfiltern, was für einen gut ist. Deswegen bin ich auch ein Verfechter der polysportiven Ausbildung. Man muss sich in der frühen Kindheit noch nicht auf eine bestimmte Sportart fokussieren. Das Wichtigste ist, dass es den Kids Spaß macht.

Man kann dennoch nicht sagen, dass ihr Vorreiter seid…diese Kultur ist vielmehr verloren gegangen – und ihr seid eigentlich Wiederentdecker.
Feriencamps gibt es genug und auch schon lang. Gar keine Frage, aber wir wollen uns da dennoch abheben. Uns geht es auch nicht um einen Konkurrenzkampf, weil es mehr als genug Kinder gibt, die in den Ferien Betreuung brauchen.

Wie geht es in deiner Karriere weiter?
Wir sind mitten in einer unglaublich spannenden Saison. Die Heim-Weltmeisterschaft in Wien ist eine Riesengeschichte, die, so glaube ich, im Beachvolleyball alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen wird. Das Stadion wird gleich groß sein wie bei den Olympischen Spielen in Rio und alle guten Teams werden am Start sein. Auch wenn man sich das sehr schwer vorstellen kann, wird das Ganze noch größer als in Klagenfurt, und das, obwohl das Turnier am Wörthersee ohnehin schon ein absoluter Wahnsinn war. Die WM wird das absolute Highlight der Saison!

Ist diese WM der Höhepunkt deiner Karriere?
Sicher einer davon. Ich durfte ja schon 2001 bei der Heim-WM in Klagenfurt spielen, aber damals war ich noch kein Profi. Das war alles mehr Jux und Tollerei. Gemeinsam mit den Olympischen Spielen und den Europameisterschaften wird das sicher eines derdenkwürdigsten Ereignisse meiner Karriere!

Credits:
HEADER: Christopher Kelemen – www.christopherkelemen.com
Fotos Artikel 1 & 2: Joerg Mitter/ Swatch Beach Volleyball Major Series/ Red Bull Content Pool

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