Auf der Strecke haben wir ein paar Läufer gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, den Marathon gleich ein zweites Mal zu laufen. Die meisten straften uns mit fassungslosen Blicken. Ist doch eine saudumme Frage… Doch einer hatte da schon längst einen ganzen Marathon in den Beinen.

Die ganze Story als Video 

3:30 Tagwache: Der Wecker läutet und ich krieche aus dem Bett, um rechtzeitig um 4:30 Christian Engelhardt, dem Verrückten, der den doppelten Marathon läuft, im Ziel… äh, ich meine beim Start am Rathausplatz zu empfangen. Natürlich nicht mit den Laufschuhen, sondern auf Inlineskates, um ihn bei diesem Abenteuer begleiten zu können. Den Rucksack dabei vollgepackt mit Jacken, Video- und Fotoausrüstung und einem „Notfall“ Red Bull für Christian.

Nicht ganz so überrascht darüber, dass ich überhaupt aufgewacht bin, aber doch erstaunt war ich, als mir Christian dann doch vor dem Burgtheater entgegenstapfte. Schon am Weg dort hin hatte ich mich gefragt, ob das alles möglicherweise nur ein blöder Scherz war à la: schauen wir mal, ob der Idiot wirklich mit den Skates um 4 in der Früh rausgeht. Natürlich dachte ich mir: Macht der Christian das jetzt wirklich? Ich meine: wer tut sich denn sowas freiwillig an? Macht das überhaupt noch ein bisschen Spaß?!
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4:50 Christian startet die Laufuhr und los gehts! Das Abenteuer begann weniger Meter hinter dem Zielbogen, bei dem schon die Uhr tickte, allerdings in einer anderen Zeitrechnung. Das Flair des verlassenen Zieleinlaufs hatte etwas Respekteinflößendes. Ich nickte Christian nochmal zu und sagte: Na gut, in 7 Stunden sind wir dann wieder hier. Er sah den Optimismus in meinen Augen und korrigierte mich mit einem Lachen im Gesicht auf 8 Stunden.

Egal: Dieser Moment hatte gerade etwas Magisches an sich! Sonntagsstille gepaart mit Alkoholleichen vor dem Voga und der Passage – und ein paar Betrunkene die uns vor den Clubs anfeuerten – na gut, vielleicht auch anpöbelten, aber das war nicht weiter von Bedeutung.
Im 5 Minuten/km Schnitt begann Christian die Kilometerfressererei. Schon zu Beginn erstaunlich: Er war richtig gesprächig, so als würde er sich tatsächlich auf die kommenden 80+ Kilometer freuen.
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Christian lief wie ein Uhrwerk und spulte den ersten Halbmarathon runter, als ob es nichts für ihn wäre. Beim Museumsquartier das erste Mal an diesem Tag angekommen warteten schon zwei Trainingspartner auf Christian, die ihn für einige Kilometer begleiten wollten! Mein Gedanke: Das müssen richtig gute Freunde sein, wenn sie sich das um kurz nach 6 in der Früh an einem Sonntag antun!
Schön langsam kam Leben in die Stadt, und so begegneten wir auch immer mehr Marathonstartern, die sich gerade auf den Weg zur Reichsbrücke machten und uns verwundert ansahen.
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Durch die Gespräche mit seinen Freunden schien für ihn auch der zweite Halbmarathon relativ „locker“ über die Bühne zu gehen, falls man das so überhaupt sagen kann!
Dann war es soweit: Wir überquerten die Reichsbrücke und liefen neben den aufwärmenden Assen aus Kenia und Äthiopien direkt auf die Massen zu. Das krasse Gegenteil zum ersten Marathonstart von Christian vor dem Rathausplatz! Vor gut drei Stunden nur er, ich und ein Security, der die Absperrungen bewachte. Jetzt: 42.000 Laufbegeisterte, die sich gemeinsam mit Christian in den Marathon stürzen werden.
Eine knappe halbe Stunde hatte er nun Zeit, um durchzuschnaufen.
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Ich glaube, ich hatte diese 30 Minuten nötiger als er selbst…

9 Uhr: Offizieller Start des Vienna City Marathons 2017 – und er mitten drin! Wir hatten uns zwar einen Treffpunkt nach der Reichsbrücke vereinbart, aber an ein Mitrollen in den Massen war nicht mehr zu denken, und so trafen wir uns am Donaukanal wieder, was mir die Zeit gab, selbst in die Laufschuhe zu schlüpfen, um ein paar Minuten mit Christian mitzulaufen. Durch Zufall traf er an der Strecke einen zusehenden Ultralauf-Kollegen, der ihn von da an spontan begleitete und ihm das Tempo vorgab.
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Das muss man sich jetzt mal vorstellen: Da entscheidet einer plötzlich, selbst einen Marathon mitzulaufen! Für mich unvorstellbar, dass es solche Leute gibt, aber für Christian sicher eine sehr willkommene Abwechslung zu meinem Gefasel.
Ich war sowieso überrascht, dass es ihn nichtmal nach 60 km störte, dass ich regelmäßig mit der Kamera vor ihm herumhantierte. Spätestens jetzt war mir klar: Es macht ihm tatsächlich Spaß.
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Daran änderte auch ein kleines Tief am Donaukanal nichts, als mir Christian mitteilte, dass es nun an der Zeit für sein einziges Red Bull sei, das er für die schwierigen Kilometer eingeplant hatte.
Vor der Hauptallee trennten sich unsere Wege wieder, und man konnte ihm die Strapazen mittlerweile doch deutlich ansehen.
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Keine Ahnung was dann auf der Hauptallee passiert ist, aber rund 40 Minuten später trafen wir uns wieder bei der Franzensbrücke. Mit einem guten Freund, der mittlerweile mich begleitet hat, habe ich dort zusammengekauert am Strassenrand sitzend gewartet. Es hätte zwar umgekehrt sein sollen, aber als Christian auftauchte, begann er uns anzufeuern und motivierte uns zum weitermachen! Er wirkte wieder wie auf den ersten Kilometern – angeblich hat er auf der Allee Cola bekommen und das hat ihn wieder nach vorne geworfen.
Die begeisterten Zuschauer trugen Christian förmlich ins Ziel.

Er hat es tatsächlich geschafft, und noch viel erstaunlicher ist, dass er diese 86 Kilometer mit einem Lächeln im Gesicht überstanden hat. Eine echte LEIDENschaftliche Beziehung, die Christian Engelhardt zum Sport pflegt.

Blut, Schweiß und Adrenalin – Wir leben Sport!
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2 Comments

  1. Große Leistung und krasse Idee. Ja, ein bisschen verrückt sind wir Läufer wohl alle, sonst gäbe es nicht solche Ideen

  2. Pingback: #VCMx2

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