Jakob Pöltl hat sich – zumindest ist dies der Status Quo – einen fixen Platz in der Rotation der Toronto Raptors erarbeitet: In den vergangenen neun Spielen stand der Rookie immer zwischen zwölf und 24 Minuten auf dem Parkett. Das Team scheint davon und von den beiden Neuzugängen zu profitieren: Die letzten sechs Partien konnten die Kanadier für sich entscheiden.

Jakob, ihr habt gerade einen tollen Lauf. Gerade defensiv spielt ihr phasenweise überragend.
Wir spielen generell mit viel mehr Energie als zuvor. Wir hatten eine Phase, in der es gewirkt hat, als wären wir uns zu gut, um hart und mit vollem Einsatz zu spielen. Nach dem ganz schwachen Spiel gegen Oklahoma City haben wir uns zusammengesetzt und gesagt, dass es so nicht weitergehen kann. Wir haben über Details in Offense und Defense gesprochen, aber hauptsächlich über die Einstellung und das Spieltempo. Seither ging es steil bergauf.

Ihr habt bereits 19-mal einen zweistelligen Rückstand in einen Sieg verwandelt – Spitzenwert in der NBA.
Das ist ein schlechtes und ein gutes Zeichen. Einerseits sollten wir nicht so oft so hoch in Rückstand geraten und schlecht starten – gerade gegen schwächere Teams war das vermeidbar. Andererseits wissen wir, dass wir uns zusammenreißen und richtig, richtig gut Basketball spielen können, wenn es darauf ankommt. Diese Comebacks sind allerdings auch sehr Energie raubend. Wir haben die Tendenz, langsam zu starten. Wenn die Würfe fallen, funktioniert es trotzdem. Gegen starke Teams wird es vor allem in den Playoffs nicht reichen, wenn wir den Beginn verschlafen.

Die beiden Neuen machen euch defensiv sicher deutlich stärker. Serge Ibaka ist der bekanntere Name, aber P.J. Tucker scheint fast noch wichtiger für euch zu sein.
P.J. hat tatsächlich einen unglaublichen Einfluss auf die Mannschaft. Er bringt nicht nur individuell viel Energie in der Defense und kann den besten Flügelspieler des Gegners entschärfen, er reißt mit seiner Energie auch den Rest des Teams mit. Wir waren mit sehr ungewöhnlichen Line-ups mit ihm auf dem Feld erfolgreich, weil sich einfach jeder zu 100 Prozent reingehängt hat. Von Serge wurde von Haus aus viel erwartet. Er ist offensiv wirklich stark und macht uns defensiv ebenfalls ziemlich flexibel, weil er auf der 4 und der 5 spielen kann.

Du selbst wirkst auf dem Court immer sicherer. Hängt das auch mit dem Vertrauen, das dir der Trainer schenkt, und der Gewissheit, jetzt praktisch immer viele Minuten zu bekommen, zusammen? Gegen Miami wurdest du sogar in der Crunch Time noch einmal für Valanciunas eingewechselt.
Das Vertrauen spielt sicher eine kleine Rolle, aber den größten Unterschied macht für mich, dass ich immer mehr Spielpraxis und Erfahrung sammle. Ich mache immer noch Fehler, aber da ich regelmäßig spiele, kann ich sofort daraus lernen. Es ist natürlich schön zu wissen, dass ich mir das Vertrauen erarbeitet habe und auch für die entscheidenden Spielphasen eine Option für den Coach bin. Nachlassen darf ich aber nicht, die Rollenverteilung hat sich im Laufe der Saison schon öfters verschoben.

Du konntest gegen Indiana eine neue Bestleistung in Punkten aufstellen. Das war aber nur möglich, weil du jetzt mehr Bälle bekommst als zuvor. Ist dein Standing innerhalb des Teams gestiegen?
Die „Chemistry“ und die Kommunikation in der Offense sind sicher besser geworden – was aber auch logisch ist, wenn ich regelmäßig viele Minuten erhalte. Ich bekomme den Ball sicher öfter als früher, aber meine Hauptaufgaben in der Offense bleiben trotzdem, gute Screens zu stellen, zu rebounden und mich gut zu positionieren, um anspielbar zu sein. Mit dem Ball viel zu machen, ist weiterhin nicht meine Rolle, defensiv bin ich sicher ein deutlich größerer Faktor.

Den Playoff-Platz habt ihr in der Tasche, auch der Heimvorteil in der 1. Runde sollte sicher sein. Lange Zeit schien das Ziel, im Osten zumindest Rang drei zu erreichen, um Cleveland bis zu den Conference Finals auf dem Weg zu gehen. Nun ist es aber keineswegs sicher, dass die Cavs überhaupt Erste werden.
Es kann alles passieren. Cleveland und Boston sind gleichauf, wir sind knapp an Washington dran, aber auch die Cavaliers und Celtics sind nicht außer Reichweite. Wir können sowieso nicht herumspekulieren, sondern müssen versuchen, die Regular Season möglichst positiv zu beenden, um uns in die bestmögliche Position für die Playoffs zu bringen. Unser Mindset ist sicher nicht, irgendwem aus dem Weg gehen zu wollen.

Die Playoffs sind nur noch etwas mehr als zwei Wochen entfernt. Verspürst du schon Vorfreude?
Ja, die ist schon da. Es wird ja viel darüber geredet, dass es dann noch intensiver und physischer zur Sache geht. Ich freue mich schon darauf, das selbst zu erleben. Ich denke, wir haben aber auch schon in den letzten Spielen sehr intensiv gespielt. Für uns war es einfach wichtig, nach einer schlechten Phase einen Gang hinauf zu schalten. Wir hoffen natürlich, dass Kyle Lowry rechtzeitig fit wird, um mit der besten Besetzung angreifen zu können.

In der letzten Woche konntest du mit Dirk Nowitzki und Paul Zipser auf dem Feld kurz Small Talk auf Deutsch führen. Wie war das Gefühl?
Das war schon eine coole Sache – besonders, mal zu Dirk „Servus“ zu sagen und kurz mit ihm zu plaudern. Wenn ich schon nicht mit anderen Österreichern in der NBA reden kann, dann wenigstens mit den Deutschen (lacht). Am College hatte ich ja mit Kenneth Ogbe einen deutschen Teamkollegen und konnte täglich Deutsch sprechen. Jetzt passiert das meist nur via Skype oder WhatsApp, auch wenn mein Teamkollege Pascal Siakam es in der Schule gelernt hat und schon mal einen deutschen Satz hervorbringt.

Quelle: Dominic Marsano

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.