Für Jenni Wenth ist diese Saison etwas ganz Besonderes, denn wenn alles nach Plan verläuft, wird sie erstmals an den Olympischen Spielen teilnehmen. Im Gespräch mit uns hat sie sich kein Blatt vor den Mund genommen und räumt mit der Medien- und Sportlandschaft  Österreichs auf. 

Was ist das „Zachste“ an einem 5000-Meter-Lauf?
Das kommt auf die Tagesform an: Wenn es gut rennt, wird es gar nicht „zach“, es kann aber auch vom ersten Moment an echt „zach“ sein.

Hast du mental irgendwelche besonderen Tools, die du einsetzt, um deine Ziele zu erreichen?
Ich kann ehrlich gesagt mit eigenem Druck nicht besonders gut umgehen. Den Druck von außen – falls es den gibt – kann ich sehr gut abblocken und spüre ihn gar nicht. Ich habe meine Ziele tief in mir verankert, aber ich versuche nicht nur wegen dieser Ziele meine Laufschuhe zu schnüren, sondern einfach wegen dem Laufen als Sache. Wenn ich es schaffe, das Laufen an sich zu genießen, den Rhythmus, den Flow, dann laufe ich gut und wachse fast immer über mich hinaus. So wie auch letztes Jahr, als ich beim vermeintlich letzten Rennen der Saison einfach, weil es mir unendlich getaugt hat, das Olympialimit gelaufen bin.

Was geht einem im Rennen durch den Kopf? Denkt man schon an den nächsten verdienten Urlaub?
Im Rennen geht es im Optimalfall nur darum, in den richtigen Rhythmus zu kommen – dort wo Atmung, Körper und Geist im Einklang sind und man einfach das Gefühl hat, zu fliegen. Dazu muss der Kopf frei sein und man komplett den Moment leben, da gibt es keine Gedanken an den Urlaub oder an sonstige Dinge, sondern da zählt nur die Bahn, meine Beine und ich. Lustigerweise hatte ich aber vor dem besten Rennen meiner Karriere angefangen, den Urlaub zu planen – die Pläne wurden dann aber über Bord geworfen, weil ich mich für die WM in China qualifiziert habe.

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Du hast dich erstmals für die Olympischen Spiele qualifiziert. War das schon immer ein Traum?
Ich muss bis Anfang Juli noch einen Leistungsnachweis bringen, wenn ich den schaffe, bin ich fix dabei. Als ich 2004 das 10.000-m-Rennen der Männer gesehen habe, war ich unglaublich beeindruckt, und ich kann mich an meine Gedanken erinnern, als ob es gestern gewesen wäre: „Da will ich auch einmal mitmachen!“; und das, obwohl ich erst in der Schule ein bisschen mit dem Laufen begonnen hatte. Wenn man so zurückdenkt, ist es eigentlich unglaublich, dass man einem Wunsch, den man mit 13 Jahren geäußert hatte, so nah gekommen ist. Das macht mich richtig stolz!

Wie sieht es bei euch im Sport mit Nachwuchs aus, und wo wird die Leichtathletik deiner Meinung nach allgemein in der Zukunft stehen?
Wir haben ein paar gute Nachwuchsläuferinnen, aber man muss immer schauen, ob sie sich das Training bis in die allgemeine Klasse antun und auch nach Verletzungen und Rückschlägen wieder aufstehen und weitermachen und den Idealismus, der dafür notwendig ist, mitbringen. Der Weg in die Leichtathletik ist hart. Trainingsgruppen und das gesamte Physioumfeld muss man sich selber organisieren, da gibt es keine gebügelten Trikots, die in der Kabine auf dich warten.

Wenn ich mir dann österreichische Meisterschaften mit vier Teilnehmern anschaue und zirka zehn Zuschauer auf der Tribüne sehe, nicht mal Musik gespielt wird und dann noch die Kampfrichter jeden beschimpfen, der im Innenfeld anfeuert, dann kommt mir schon das Heulen. So wird die Leichtathletik einfach kaputt gemacht und den paar Leuten, die sich das noch antun, die letzte Freude genommen. In den USA gibt es geile Musik bei Meetings und Zuschauer, die im Innenfeld die Läufer frenetisch anfeuern – so soll es sein! Die Leichtathletik muss auch mehr zu den Leuten gebracht werden, ein gutes Beispiel dafür ist die „Golden Roof Challenge“ in Innsbruck, ein Stabhochsprung-Wettkampf vor dem Goldenen Dachl, wo viele Zuschauer hinkommen.

Die finanzielle Situation von „Randsportlern“ ist auch so eine Sache. Leichtathletik ist zwar ein Weltsport, aber macht sich das in der Geldbörse bemerkbar?
Ich habe das Glück, dass ich direkt nach der Matura meinen Plan A verfolgen konnte und beim Bundesheer aufgenommen wurde; so kann ich mich als Profisportlerin verwirklichen. Ich freue mich auch über die Unterstützung einiger Sponsoren und habe auch dank Mama und Papa sehr niedrige Lebenshaltungskosten. Ich bin daher im Moment sehr zufrieden mit meiner derzeitigen Situation. Ausgesorgt werde ich aber durch den Laufsport – so wie manche Fußballer – nie haben.

Credits: Konstantin Reyer 2016

Was glaubst du, sind die Gründe dafür, dass die Stars der Olympischen Spiele nur alle vier Jahre im Rampenlicht stehen und der Sport sonst wenig publikumswirksam ist?
Da liegt die Schuld auch bei den Medien, die primär über Fußball und Skisport berichten. Wenn das Fußballnationalteam „Mannschaft des Jahres“ wird, weil sie sich für die EM qualifiziert haben und nicht die Tischtennisspieler, die Europameister geworden sind, dann ist schon klar, wie die Prioritäten im österreichischen Sport verteilt sind. Traurig!

Ideen, wie man da etwas ändern könnte?
Ein Umdenken bei den Medien und eine interessantere Präsentation der Randsportarten. Früher wurde im Happelstadion in der Halbzeitpause des Länderspiels ein 800-Meter- oder 1.000-Meter-Rennen ausgetragen, wieso kann es so etwas jetzt nicht mehr geben?

Wenn du einen Wunsch frei hättest bzw. unerschöpfliche finanzielle Ressourcen zur Verfügung stünden, wie würde die optimale Vorbereitung für dich in Rio und auch für mögliche weitere Olympiastarts aussehen?
Durch meine Zugehörigkeit zum Team Rio in diesem Jahr konnte ich es mir erstmals leisten, Physiotherapeuten mit auf Trainingslager zu nehmen. Ich denke, dass genau der Faktor Regeneration essentiell für professionelles Training ist. Mühsam war in dieser Hinsicht nur die Organisation der Leute, da es gar nicht leicht ist, wen zu finden, der einfach mal zwei Wochen wegfahren kann. Da fände ich es super, wenn es einen Pool an Physios gäbe, die man immer auf Trainingslager mitnehmen kann. Also so gesehen war meine Vorbereitung sehr gut; wie das Projekt Rio in den nächsten Jahren weitergeht, ist aber nicht gesichert. Knapp vor Rio wäre ein Precamp in Brasilien cool. Ich würde auch gerne bei der Eröffnungsfeier sein, aber danach bis zum Rennen woanders als im Olympischen Dorf, um mich besser fokussieren zu können.

Wie siehst du den Stellenwert des Laufens in der Gesellschaft allgemein?
Da braucht man nur am Wochenende bei schönem Wetter auf die Prater Hauptallee gehen und hat die Frage beantwortet. Laufen ist die einfachste Sportart der Welt, überall durchführbar, und man benötigt nur ein Paar Laufschuhe. Auch bei Volksläufen sieht man, dass sich viele Leute gerne dem Laufen widmen und viele für die Faszination Marathon trainieren. Der Bahnlaufsport ist leider eher weniger bekannt und wenn ich sage, dass ich Läuferin bin, glaubt jeder, dass ich Marathon laufe.

Olympiamedaille ein Thema?
Ich bin nicht jemand, der surreale Ziele – wie es im Moment einige Sportler machen – ankündigt. Also kann ich auf diese Frage ein klares NEIN geben. Jeder Mensch kann ohne besonderes Equipment laufen, weshalb Laufen auch eine richtige Weltsportart ist. Durch die Übermacht der Afrikaner – welche ja laut aktuellen Medienberichten nicht nur auf die guten Gene zurückzuführen ist – wäre schon das Erreichen eines Olympia-Finales ein unglaublicher Erfolg.

Wenn du irgendwann mal auf dein Leben zurückblickst – was glaubst du muss passieren, dass du sagen kannst: Es war perfekt?
Ich hatte das Glück, eine schöne Kindheit zu haben, ich bin in der glücklichen Lage, dass ich meine Leidenschaft als Beruf ausüben darf und jeden Tag das machen kann, was mir Spaß macht. Ich habe neben dem Sport einen Studienabschluss gemacht und habe auch neben dem Laufen Hobbies, die mir viel Spaß bereiten, dazu eine Familie und Freunde, die mich auf meinem Weg unterstützen. Ich bin daher im Moment auch in jungen Jahren sehr glücklich damit, wie mein Leben bis jetzt verlaufen ist.

Wenn ich sportlich gesehen meine „Runner‘s bucket list“ mit Rennen, die ich laufen will, und Trainingslagern in aller Welt, die ich absolvieren mag, „abgearbeitet“ habe und privat einmal im Garten meines kleinen Bauernhofs, mit einer Katze auf dem Schoss und auf meine Pferde auf der Weide blickend in der Sonne sitzen kann, dann würde ich sagen, dass es perfekt war.

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Wie kam bei dir die Begeisterung für das Laufen auf?
Ich habe mich als Kind schon immer sehr gerne bewegt. Die Laufleidenschaft kam aber eigentlich erst durch die Begeisterung am Reiten auf. Es war keine Seltenheit, dass ich stundenlang im Garten herumgelaufen bin und mit selbst gebauten Hindernissen, über die ich gesprungen bin, Pferd gespielt habe! Lustig eigentlich, dass ich trotzdem total unbegabt für das Hindernislaufen bin.

Ideen, wie man mehr junge Leute dazu bekommt, laufen zu gehen?
Ich denke, dass Veranstaltungen, welche gratis Lauftreffs wie der Frauenlauf über das gesamte Jahr verteilt anbieten, viele junge Mädels erreichen. Dieses Konzept sollte einfach von anderen Institutionen aufgegriffen und in Richtung Bahnlaufen erweitert werden.

Was hat dich dorthin gebracht, wo du heute stehst?
Ein großer „Dachschaden“! Wenn in der Oberstufe die Anderen in der Freistunde shoppen gegangen sind, bin ich laufen gegangen, einfach weil ich das Gefühl hatte, dass es etwas Sinnvolles ist und mich im Leben weiterbringt.
Und definitiv die Fähigkeit, auf andere Meinungen zu pfeifen. Im Sport bist du alleine und du musst eine „Insel“ sein, auf der dich nichts tangiert und deinen eigenen Weg gehen. Strukturen und Menschen im Sport kannst du nicht ändern – dieser Irrglaube ist ein Energieräuber. Den eigenen Weg zu gehen, bedeutet für mich nicht, dass ich nicht mit anderen trainieren will, sondern mich lediglich aus der in Österreich üblichen „Vereinsmeierei“ heraushalten will.

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