Der zweite Bewerb bei den Paralympics ist für Thomas Geierspichler Geschichte. Gestern verpasste er als Neunter nur um 0,24 Sekunden den Einzug in das Finale des 400er-Rennens. Die Enttäuschung war groß. Groß waren auch die Leistungsunterschiede, die beim abschließenden 1.500er-Bewerb noch wachsen werden.

Thomas Geierspichler absolvierte den 400er-Vorlauf gestern in Rio mit einer Zeit von 1:03,27 Minuten. Als Neunter verpasste er die Qualifikation für das Finale der besten Acht nur knapp. »Bei den Europameisterschaften in Grosseto fuhr ich heuer 1,8 Sekunden schneller, da es eine sehr schnelle Bahn war. Mit meinem Einsatz gestern bin ich nicht 100%ig zufrieden, aber ich ging voll fokussiert und top-vorbereitet in den Wettkampf. Ich habe alles gegeben und niemand ist mehr enttäuscht als ich, dass ich den Einzug ins Finale nicht geschafft habe«, so lautete die erste Analyse des zweifachen Paralympicsiegers.

»Hatte einfach keine Chance«
Die Enttäuschung war Thomas Geierspichler ins Gesicht geschrieben. Vier lange Jahre liefen die Vorbereitungen auf das Highlight Paralympische Spiele. »Ich habe alles aus mir rausgeholt. Aber wenn alle, die sich in meiner T52-Kategorie für das 400er-Finale qualifiziert haben, keine Tetraplegiker sind, dann mache ich mir schon ernsthafte Gedanken und Sorgen über meinen Sport. Im Leichtathletikoval, wo es gestern extrem heiß und schwül war, schwammen gleich nach dem Start meine Felle weg, obwohl ich nach 200m etwas aufholen konnte.«

Paralympicsfinale mit 1.500er
Die Zusammenlegung von Klassen bei Sportarten mit unterschiedlicher und leichterer Behinderung sowie die Streichung von Disziplinen (wie dem Marathon), sorgen nicht nur bei Thomas Geierspichler für Unmut. Ihn speziell betrifft diese sportpolitische Entwicklung auch bei seinem abschließenden 1.500er Rennen am Donnerstag: »Dort werden wir T52er mit der Kategorie T51 zusammengelegt. Da ist so eine extreme Bandbreite an Chancenungleichheit, dass man weinen könnte. Aber ich werde wieder alles versuchen und das Maximum für mich herausholen. Alles ausblenden, nicht nach links und rechts schauen, und durch. Ich fühle mich in Top-Form und die Stimmung passt. Vielleicht gelingt mir noch eine Überraschung; wer weiß.«

Über die Entwicklung im Behindertensport gibt es nicht nur in der Leichtathletik Verärgerung: »Wir Sportler reden viel darüber. Bei meinem 1.500er am Donnerstag ist das zum Beispiel so, als ob die Behinderungsklasse von Kira Grünberg plötzlich gegen mich fährt. Ist das fair? Es gibt zum Beispiel auch Tetrarugby – nur spielen dort sehr viele Amputierte. Obwohl diese Kategorie extra für Tetrasportler kreiert wurde. Ich finde, mein Sport braucht Sprachrohre. Ich habe schon alles erreicht, habe Paralympics-, WM- und EM-Medaillen gewonnen, bin amtierender Weltrekordhalter im Marathon und über die 10.000m. Und ich finde, der Sport sollte sich wieder mehr in die soziale Richtung bewegen. Behindertensportler brauchen Ziele und Visionen, nicht genormte Medaillen.«

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